Manchmal werden wir gefragt: was ist Social Architecture und was eigentlich unterscheidet die Arbeit der Social Architects von einem klassischen Beratungsansatz? Warum brauchen wir denn jetzt schon wieder etwas Neues?

Klassische Beratungsansätze vs. Social Architecture

Um zu verstehen was das Besondere der Social Architecture ist, lohnt sich einen Blick auf die klassischen Beratungsansätze der Moderne. Sie galten  lange Zeit und werden auch heute noch angewandt. Diese Ansätze nutzen das Ursache-Wirkung Prinzip als Denk- und Handlungsrahmen. Diese Perspektive suggeriert, dass wir Menschen Kontinuität und Entwicklung bestimmen und auch planen können. Hierbei werden mit geeigneten (mathematischen) Modellen relevante Aussagen über die Zukunft von Systemen gemacht.  Dementsprechend werden Prognosen errechnet, Ziele formuliert und Strategien entwickelt, die die Entwicklung der Organisation steuern sollen. Die Aufgabe der Führung in diesem Kontext wird als Managerfunktion verstanden und gelebt: vorhersagen, planen, evaluieren, optimieren, kontrollieren.

Zielgerichtetheit und Kontrollierbarkeit

Diese mechanistische Sichtweise, die auf Zielgerichtetheit und Kontrollierbarkeit setzt, war und ist uns allen aus vielfachen Kontexten des Alltags vertraut. Die Gewissheit, dass wir Dinge steuern, beherrschen und planen können, gibt uns Sicherheit und vereinfacht vieles. Wundert es, dass das in Organisationen so machtvoll geworden ist und die gängige Handlungsmaxime für Jahrzehnte gewesen ist?  Sie folgten den Mustern, welche einfache Systeme auszeichnen:

  • Geringe Anzahl der Elemente im System
  • Elemente sind in ihren Merkmalen gleich
  • Geringe Anzahl von Beziehungen zwischen den Elementen
  • Geringe Dichte der Beziehungen
  • Determiniertheit: einfache Systeme erlauben eine eindeutige Bestimmung ihres Zustandes zu jedem Zeitpunkt der Vergangenheit und Zukunft mit hinreichender Genauigkeit
  • Stabilität: nach einer Störung kehrt das System in den ursprünglichen Zustand zurück
Alles wird komplizierter und auch komplexer

Je größer Systeme werden, je spezifischer das Wissen ist, das benötigt wird, um innerhalb eines Systems zu agieren, um so  mehr treten die Grenzen der mechanistischen Sichtweise hervor. Gibt es in komplizierten Sachverhalten oftmals noch eine Möglichkeit, Ursache-Wirkungszusammenhänge zu beschreiben, auch wenn das nur noch für Spezialisten erkennbar ist und sich diese oft genug um die „richtige“ Lösung streiten, so zeichnen sich komplexe Systeme aus durch

  • Eine große Anzahl von Elementen mit sehr verschiedenen Merkmalen
  • Diese stehen in dynamischen Wechselwirkungen zueinander
  • Es lässt sich keine Aussage über die Vorhersehbarkeit treffen
  • Nach Störung kehrt das System nicht mehr so einfach in den ursprünglichen Zustand zurück
  • Eine Steuerung im bekannten Sinne durch planen, evaluieren, optimieren, kontrollieren ist so nicht möglich.
Das Besondere der Social Architecture

Der in den neunziger Jahre bekannt gewordene VUKA Ansatz fasst vier Erscheinungsmerkmale komplexer Systeme zusammen: Volatil (flüchtig), Unsicher, Komplex, Ambivalent.

Alleine diese vier Begriffe machen deutlich, dass langfristiges Vorausplanen kaum mehr möglich ist. Es gilt also neue Verhaltensweisen zu leben, welche die Unsicherheiten und Ambivalenzen achtsam aufnehmen und in einen dynamischen Fließprozess lenken. Ziel ist es hierbei, das kraftvolle und gesunde Gestaltungs- und Entwicklungspotential von Organisationen aufrecht zu erhalten und zu fördern. In Zeiten vielfacher Wertedifferenzen heißt das auch, sich in Wertevielfalt kompetent zu bewegen. Zudem müssen diese mit angemessenen Impulsen in die Gesamtausrichtung eingebunden werden.

Was also macht Social Architecture anders?

Sie integriert den klassischen Beratungsansatz, da wo er Sinn macht und effektiv ist. Doch die Grundhaltung ist eine andere, wenn es um das Thema der Führung und des Prozessdesigns geht. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf das, was nötig ist, um flexibel und agil mit den Veränderungen mitzugehen und zugleich Stabilität und innere Stärke zu erhalten.  Was aber heißt das im einzelnen der Arbeit?

 Erforderliche Qualitäten für den Umgang mit der VUKA Welt

Basierend auf unseren Erfahrungen der letzten 10 Jahren haben wir folgende Qualitäten und Leitlinien als hilfreich gefunden, um sich in diesem unsicheren Umfeld zu orientieren und wirksam zu bleiben.

  • Kraftvolle gemeinsame Intention formulieren, die das Potenzial hat, in turbulenten Zeiten das System zusammen zu halten
  • Dem Wohl des Gesamtsystems Vorrang geben vor individuellen Wünschen.
    Dieses beinhaltet auch, ein neues Verständnis von Macht „für“ vs. Macht „über“ zu entwickeln
  • Vertrauen in Selbstorganisation und kollektive Intelligenz
  • Organisches statt exponentielles Wachstum fördern
  • Vielfalt und Unterschiedlichkeit wertschätzen und integrieren
    Hierzu gehören auch die Fähigkeiten, verschiedenen Kulturen zu verstehen, Synergien zwischen ihnen zu fördern, und sich gelassen in Polaritäten zu bewegen
  • Muster wahrnehmen und Ordnung hinter dem Chaos entdecken
  • Eine innere Haltung aufbauen, welche über diese Fähigkeiten verfügt
    – das „Nicht-Wissen“ kultivieren;
    – aus der Präsenz heraus führen;
    Emergenz des Zukünftigen nutzen für ein Prototyping in der Gegenwart;
    – dem Prinzip der Resonanz als zuverlässigem Kompass folgen;
    – die Intuition als grundlegende Führungskraft wahrnehmen, das Ego als Gestaltungskraft einsetzen;
    – Synchronizitäten als wertvolle Informationen und Hinweise (an)erkennen und nutzen.
    Das alles wird gefördert durch die Schärfung der Sinnes- und Körperwahrnehmung als „Sensoren“ unserer inneren und äußeren Welt.

Alleine diese kurze Übersicht lässt ahnen: es geht im Umgang mit der VUKA Welt nicht darum, alle Unsicherheiten auszuschalten oder auszublenden. Vielmehr wird eine Haltung gefordert und eingeübt, die im nachfolgenden Zitat pointiert beschrieben wird. „Immer wenn ich glaube, ich weiß es, setzte ich mich ruhig in eine Ecke und warte, bis dieser Anfall vorübergeht“ sagt Matthias Varga von Kibed, der Wissenschaftstheoretiker und Pionier der systemischen Strukturaufstellung. Seine wichtigsten Verbündeten, um Lösungen in einer komplexen Welt zu finden, seien, so betont er: „Unwissenheit, Hilflosigkeit und Verwirrung“.

Nicht-Wissen ebnet den Weg ins Neue

Gerade dieses Nicht-Wissen gepaart mit der Fähigkeit zur Präsenz schafft die Offenheit für das Neue. Solche Qualitäten entwickeln sich aus einem neuen Bewusstsein, das anerkennt, dass wir Menschen viel mehr sind als die Summe von Verstand, Emotionen und Körper. Uns stehen Potenziale im Individuellen wie im Kollektiven zur Verfügung, die, wenn auch von vielen noch nicht erkannt, dennoch lebendig sind. Deren Entfaltung befähigt uns, dieser VUKA Welt mit Vertrauen und Leichtigkeit zu begegnen. Das Social Architect Curriculum bereitet auf diese Welt vor und vermittelt die Kompetenzen, die für ein Wirken im Sinne der Social Architecture nötig sind.

In unseren nächsten Blog Einträgen werden wir auf diese Qualitäten einzeln eingehen.

Autorin: Claudine Villemot-Kienzle

Vorheriger Beitrag
Digitale Nomaden als Lebensform
Nächster Beitrag
Warum scheitern so viele Change-Prozesse?
Menü

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen