Wir hören dieser Tage so viel darüber, dass unsere Welt stets komplexer wird und es damit schwieriger wird, uns darin zurechtzufinden und zu navigieren. Und oft bestätigen unsere Gefühle von Überforderung und Unsicherheit auf diffuse Weise, dass dies tatsächlich der Fall ist. Aber was heißt eigentlich komplex, woran erkenne ich eine komplexe Situation und woher weiß ich, dass ich nicht einfach nur im Chaos gelandet bin? Und was heißt es ganz konkret, in einer komplexen Welt zu navigieren, wie erlebe ich das, und welche „Instrumente“ brauche ich dafür?

Im Folgenden beziehe ich mich auf die praxiserprobte “Cynefin” Matrix[1] von Dave Snowden und Mary Boone. Sie stellt 5 verschiedene Typen von Situationen und Kontexte dar und liefert eine Anleitung dazu, auf welche Weise man jeweils Informationen erhalten und zu einer Lösung und Entscheidung kommen kann…..wenn man denn erkennt, in welchem Kontext man sich gerade

befindet …

Die rechte Seite stellt die geordneten Systeme dar. Hier weiß man durch Messen, Analyse bzw. Kategorisieren, was als nächstes passiert oder getan werden muss – z.B. ein Kochrezept oder komplizierter, der Zusammenbau eines Autos.

Der linken Seite der ungeordneten Situationen/Kontexte/Systeme, die man als chaotisch bzw. komplex einstuft, kann man durch Messen und Analysieren nicht so einfach beikommen.

Dies führt bei den meisten Menschen erstmal dazu, dass sich solche Situationen überwältigend und schwer handhabbar und eher unangenehm anfühlen, die man so schnell wie möglich los werden möchte. Dieses Loswerdenwollen kann sich auf vielfältige Weise zeigen – z. B  schnell reizbar zu sein, sich schnell angegriffen fühlen, die Schuld für das eigene Befinden bei anderen suchen, in Widerstände oder Regression zu gehen, die Situation zu ignorieren oder die Beschäftigung damit zu vertagen.

Eine chaotische Situation ist allerdings nicht mit einer komplexen Situation zu verwechseln, auch wenn es sich beim ersten Hinspüren ähnlich anfühlen kann. Im Chaos geht es darum, den Brand zu löschen und dann alles zu tun, um wieder in einer der drei anderen Domänen zu landen. (Dafür gibt es auch im Chaos effektive Vorgehensweisen, wie z.B. die Anwendung von vorab geplanten Standardroutinen – 112, Erste Hilfe, Plan B etc.)

Komplexe Situationen und Kontexte charakterisieren sich dadurch, dass verschiedene Ebenen und/ oder verschiedene Systeme, Perspektiven und Daseinsebenen ineinandergreifen. In diesem Fall ist es eben nicht möglich ist, sofort DIE richtige Lösung zu finden. Wir brauchen demnach eine andere Herangehensweise.

Wie begegnen wir Komplexität also am sinnvollsten?

Zunächst einmal tief durchatmen, unseren “gewohnten” Aktionismus runterfahren, innehalten, akzeptieren, dass wir gerade nicht wissen, was los ist und auch keine Lösung haben. Dann wahrnehmend offen bleiben für das, was da ist, und was sich gerade entwickelt.

Es braucht also einerseits die erlernbare Fähigkeit, quasi von außen als „Zeuge“ die Situation wahrzunehmen, ohne von den eigenen Gedanken und Emotionen, insbesondere Ängsten gestört oder überwältigt zu werden. Und andererseits braucht es die Intuition, eine Art „Sinnesorgan“, das sehr fein wahrnehmen kann, ob bestimmte Lösungen oder Richtungen eine Resonanz oder Dissonanz – ein inneres Ja oder Nein – in mir erzeugen.

Und wie mache ich Intuition fest?

Durch meine Verbundenheit mit meinem inneren Körper und der Schulung dieser Wahrnehmung. Dies ist im vorhergehenden Blogartikel von Claudine Villemot-Kienzle über den Zusammenhang von innerem Körper und Intuition sehr eindrücklich beschrieben.

Hilfreich und quasi unabdingbar ist dabei, sich Zeit zu nehmen, bzw. sich mit einer anderen Zeitqualität zu verbinden. Das heißt, aus der chronologischen, gehetzten Zeit, in der wir meist nicht mit unserem inneren sinngebenden Daseinszweck verbunden sind, herauszutreten. Sich Zeit zu nehmen, um sich zu erden und im Körper präsent zu sein, verlangsamt uns automatisch und bringt uns in eine andere Wahrnehmung von Zeit und Raum.

Wenn ich das aktiv tue, beruhigt sich auch der Verstand, der auf Nicht-Wissen meist mit kreisenden Gedanken reagiert und kann mir wieder zur Seite stehen und wichtige Daten und Fakten beisteuern.

So kann ich wahrnehmen, was gerade im komplexen Feld der Verwobenheit von vielen verschiedenen, vielleicht auch gegenläufigen, ambivalenten und auch schnell sich ändernden Einflüssen entsteht und was davon in mir Resonanz oder Dissonanz erzeugt.

Meine Intuition dient mir also als Sinnesorgan und Navigationssystem und kann andeuten, in welche Richtung es gehen könnte. Wenn ich meine Wahrnehmung geschult und Vertrauen in meine Intuition habe, kann ich auch in komplexen Kontexten im „Flow“ bleiben und daraus mit Leichtigkeit wirken.

Aber WIE können mir Wahrnehmungen von Resonanz und Dissonanz konkret Auskunft geben?  Und wie kann ich die Wahrnehmung meines inneren Körpers schulen?

All diesen Fragen und vielen mehr geht das Modul 4 der Social Architect AusbildungMastering the Flow“ nach.

In der Zwischenzeit laden wir Sie ein, über folgende Fragen zu reflektieren.

  • Wie fühlt es sich an jemand zu sein, der/die sich in der komplexen Domäne wohl fühlt.
  • Und wie fühlt es sich an jemand zu sein, der/die sich in komplexen Kontexten nicht wohl fühlt?

Autorin: Dr. Bettina Geiken. Co-Trainerin „Beyond Ego – Mastering the Flow“

[1] https://hbr.org/2007/11/a-leaders-framework-for-decision-making

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