Die meisten von uns haben eine Idee, was „Design“ meint. Aber kennen Sie den Begriff Emergenz?  Wenn Sie sich in postmodernen und integralen Kreisen bewegen, ist er Ihnen sicher schon mal begegnet. Bis vor 10 Jahren vorwiegend in wissenschaftlichen Fachkreisen benutzt, erfährt der Terminus „Emergenz“ eine  Vergesellschaftung und erreicht immer mehr eine breitere Öffentlichkeit. Da Sprache unser kollektives Bewusstsein spiegelt und sich mit ihm weiterentwickelt, finde ich spannend, der Verbreitung dieses Begriffes nachzugehen. Welches gesellschaftliche Fortschreiten deutet es an? Welches Potenzial birgt Emergenz, wenn wir als Social Architects, soziale Innovatoren und Change Makers komplexe transformative Prozesse gestalten?

Was bedeutet Emergenz?

Viele verwenden den Begriff als Synonym für „auftauchen“, wo er seinen etymologischen Ursprung hat. Dennoch sollte das „Auftauchen“ einige Eigenschaften vorweisen, damit es Emergenz meint.

Emergenz ist das Auftauchen von neuen und kohärenten Strukturen, Mustern und Eigenschaften während des Prozesses der Selbstorganisation in komplexen Systemen1.

Der Prozess zeichnet sich durch folgende Charakteristika aus:

  • Radikale Neuartigkeit (Merkmale, die vorher nicht beobachtet wurden)
  • Kohärenz oder Korrelation (integrierte Ganze, die sich selbst über eine gewisse Zeit aufrechterhalten)
  • Es ist das Produkt eines dynamischen Prozesses (es entfaltet sich)
  • Es ist anschaulich (man kann es wahrnehmen)

Wo sehen wir Beispiele für Emergenz?

Aus der Tierwelt kennen wir dieses Phänomen aus der Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling. Ein völlig neues, ganzes Insekt entsteht durch einen wahrnehmbaren, dynamischen Prozess von Selbstorganisation.

In unserer menschlichen Entwicklung sprechen wir auch von Emergenz, wenn sich neue Bewusstseinsebenen aus den vorigen herausentwickeln, wie im Entwicklungsmodell Spiral Dynamics beschrieben. Auch sie bringen jeweils ein neues Weltbild mit völlig neuen kohärenten Wertesystemen, die aus der komplexen Dynamik zwischen veränderten Lebensbedingungen und deren Herausforderungen und der bestmöglichen Antwort darauf entstehen.

Der Selbstorganisation vertrauen

Unsere evolutionäre Geschichte zeigt, dass unsere menschliche Entwicklung auf Selbstorganisation des individuellen bzw. kollektiven Systems basiert. Kein Eingreifen von außen ist nötig, damit das Neue entsteht. Emergenz vollzieht sich seitdem Homo Sapiens vor 100 000 Jahren sich als Spezies behauptete. Das Zurückblicken auf eine so lange Zeitspanne könnte unser Vertrauen in der Eigenschaft der Selbstorganisation festigen. Wir realisieren, dass Zulassen und Ermöglichen bedeutsame Alternativen zum herkömmlichen Eingreifen darstellen, welches in unserer modernen Zeit dominiert und sich in Form von Kontrolle und Steuerung zeigt.

Der chaordische Ansatz2 – Prozesse gestalten mit Design und Emergenz Prinzipien

In menschlichen Ökosystemen meint Selbstorganisation nicht Laissez-faire bzw. sich aus dem Prozess rausnehmen. Dies wird oft missverstanden, und Misserfolge werden der Selbstorganisation als Systemtheorie zugeschrieben, dabei fehlten die Voraussetzungen für das Entstehen und die Entwicklung einer wirksamen Selbstorganisation. Daher ist der Design Aspekt in Selbstorganisation unerlässlich.

Durch ein umsichtiges Design können wir die Bedingungen schaffen, die Selbstorganisation, zum Beispiel in Organisationen, ohne direktes Eingreifen fördern. Eine der wesentlichen Voraussetzung ist die Kompetenz der Social Architects und Social Innovators, Emergenz und Design zusammenzubringen und das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos (Chaos im Sinne von unvorhersehbar und unkontrollierbar) zu halten.

Diese Kompetenz baut auf der Fähigkeit auf, durch ein achtsames Zuhören und Hinspüren in Resonanz mit dem Feld (i.e. Organisation) zu treten, dadurch auf die subtilen Bewegungen und „Atmung“ des Systems zu hören, dessen Bedürfnisse und Spannungen wahrzunehmen und die Richtung, in welche es sich hin entwickeln will, zu sehen. Social Architects vertrauen auf die Zeitqualität, um zu erkennen:

  • wann gestaltende Impulse unterstützend sind
  • wieviel Design nötig ist (z. B nur Minimalstrukturen, um in die Handlung zu kommen)
  • wann Loslassen und Abwarten von Vorteil sind, auch wenn es bedeutet, Spannungen und das „Nicht-Wissen“ auszuhalten
  • wann Impulse zur Neuausrichtung bzw. Justierung notwendig sind
  • wann und wie sich Phasen von Wachstum und Ruhe sich ablösen können, um das System gesund zu halten

Die Integration von Design und Emergenz können wir im künstlerischen Prozess oft sehen. Der Maler oder die Choreografin mögen ein Konzept haben, wie sie das Kunstwerk gestalten wollen und beginnen ihre Kreation, einer Grundstruktur folgend. Fast gleichzeitig emergieren völlig neue Bewegungen bzw. Farbkompositionen, die das ursprüngliche  Design transformieren. Der Prozess kann auch andersherum erfolgen. Die Künstler folgen dem spontanen kreativen Impuls und aus dem heraus gestalten sie.

Dieses Integrieren von Design und Emergenz in unserem Wirken erfolgt, wenn unsere Wahrnehmung der Welt auf Vertrauen und dem Erkennen des kreativen Impulses in Individuen und Systemen beruht.  Diese Perspektive ermöglicht uns, Organisationen als lebende Organismen zu behandeln, die die Fähigkeit haben, unter passenden Voraussetzungen sich selbst zu organisieren, die belastbar sind und intelligent und dynamisch auf innere und äußere Impulse reagieren können.

Dass Emergenz in unser Alltagsvokabular Einzug findet, könnte auf einen Wandel im Bewusstsein weg von Angst und Kontrolle hin zu Vertrauen und Kreativität hindeuten.

Autorin: Claudine Villemot-Kienzle

1 Jeffrey Goldstein in Emergence Definitions

2 Chaordic Ansatz Der Begriff wurde von Dee Hock, dem Gründer und früheren CEO der VISA Kreditkarten-Organisation geprägt. Die Vermischung von Chaos und Ordnung wird als eine fruchtbare Koexistenz beider Elemente beschrieben, in welcher weder die chaotische noch die ordnende Wirkung überwiegt. Hock geht davon aus, dass auch die Natur in weiten Teilen in dieser Art organisiert ist, insbesondere lebende Organismen und der Evolutionsprozess als ganzer. (Quelle: Wikipedia)

 

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