Von einem Nischendasein hat sich das Wort Resilienz in den vergangenen Jahren zu einem Begriff entwickelt, den man mittlerweile auch in der Tagespresse lesen kann. Resilienz hat für den im Modell von SDi beschriebenen Übergang von den Bewusstseins- und Existenzebenen des Überlebens (First Tier) zu den Ebenen des Seins (Second Tier) eine besondere Bedeutung: Die Klärungen und Auflösungen von Themen und Anhaftungen im First Tier stärken die Resilienz und bilden mit die erforderliche Grundlage für eine stabile Existenz im Second Tier.

Resilienz als lernfähige durchlässige Grenze

Schon seit vielen Jahren übe ich mich darin, auf Ereignisse, die auf mich einwirken, situativ besonnen, optimistisch oder mit Demut zu reagieren. Das ist ständiger Lern- und Erfahrungsraum.Natürlich kennen wir Mitmenschen, die gepanzert und unverwüstlich robust allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen scheinen. Wenn dies jedoch mit Verschlossenheit, Distanz und Unnahbarkeit einhergeht, so mache ich die Erfahrung, dass diesen Menschen auch in anderen Situationen die gebührende Empathie und der offene Blick fehlen. Vor einigen Jahren lief bei mir ein Projekt aus, in dem ich als Selbständiger jahrelang tätig war. Ich konnte zunehmend beobachten, dass mich Angst und Sorge über die Zukunft ergriffen. Trotz Rücklagen und Vorsorge, also einer gewissen Sicherheit, spürte ich die Unsicherheit vor der Zukunft. Die wirkliche Befreiung erlebte ich, als mir bewusst wurde, dass gegenüber Sorge, Angst und Unsicherheit nicht das vermeintliche Gegenteil – die Sicherheit – eine Erlösung aus dem emotionalen Tief bietet, sondern Vertrauen: Vertrauen in sich, Vertrauen in die Welt und die Zukunft; die Erfahrung und Hoffnung, dass, wenn eine Türe sich schließt, eine neue sich öffnet.

Eine weitere Hilfe öffnete mir die Erkenntnis, dass in der Aussage „ich bin besorgt“ eine Identifizierung mit der Sorge zum Ausdruck kommt. Der Ausdruck „ich spüre Sorge“ hat im Vergleich dazu eine ganz andere Qualität.

Diese Erkenntnisse und weitere geben mir Widerstandsstärke in ähnlichen Situationen der Sorge vor der Zukunft. Wenn ich mich mit der Essenz des Vertrauens verbinde, kann ich zudem erleben, dass ich auch andere Erschütterungen, die ich im Leben erfahre, leichter meistere.

Wenn die Resilienz an ihre Grenzen kommt

Es gibt viele Definitionen zur Resilienz1, die aus ihrer jeweiligen Sicht stimmig sind. Aus einer integralen und systemischen Perspektive würde ich als Resilienz die Fähigkeit bezeichnen, mit einer Situation so umgehen zu können, dass die körperliche, emotionale, intellektuelle und spirituelle Balance erhalten bleibt oder wieder selbst hergestellt werden kann, wodurch ein Raum zum lösungsorientierten Handeln entsteht.

Bei aller schon gereiften Erfahrung gibt es Ereignisse, bei denen ich an mir beobachten kann, dass sie in mir etwas Heftigeres auslösen und meine Balance verloren geht. Das können beispielsweise eine Meinungsverschiedenheit in der Partnerschaft oder von mir empfundene Unbedachtheit meiner Mitmenschen gegenüber Erkenntnissen und Erfahrungen sein. Ich kann dies jedoch zunehmend bereits zu Beginn wahrnehmen. Mir werden dann die körperlichen Reaktionsmuster bewusst und erkennbar. Diese Muster sind spezifisch und unterscheidbar für Emotionen wie Angst, Unbehagen, Ablehnung oder Zorn. Diese Signale geben mir immer häufiger die Möglichkeiten, den sich abzeichnenden innerlichen Dysbalancen aktiv und mit meinen für mich bewährten Strategien entgegenzutreten. So kann ich trotz meinem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung auch die aktuellen Einschränkungen in der Corona-Zeit mit Leichtigkeit annehmen.

Um so erstaunter war ich, wie unerwartet intensiv mich in diesem Jahr die anmaßende Sieges-Deklaration von Donald Trump nach der US-Präsidentschaftswahl traf. Es verkrampfte sich mein Bauch und Gefühle der Ungerechtigkeit wie auch Wut stellten sich ein. Das war wirklich heftig und es kostete mich Zeit, Geduld und eigene Auseinandersetzung damit, um das wieder zu lösen und zurück in die Souveränität zu gelangen. Ich musste mir dabei bewusst und klar werden, welche Vorstellungen und Wünsche vorhanden waren und wo sich in mir Fassaden der Täuschung gebildet hatten. Letztlich war ich der Illusion erlegen, dass Donald Trump mit einem Erdrutschsieg von Joe Biden seine Niederlage eingestehen würde und somit friedlich den Übergang für eine menschlichere Weltordnung zulassen würde. Das war ein zu idealer Traum und Wunsch, der jäh enttäuscht wurde. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen.

Der Blick auf meine Empfindungen, Emotionen und Gedanken, also die Schaffung von Bewusstheit über mich, ist der erste Schritt zur Klarheit. Darauf aufbauend kann ich einen Weg wählen, der mir aus der Lage heraushilft und somit meine Resilienz gegenüber den Ereignissen stärkt.

Für mich ziehe ich das Fazit: Man ist nicht resilient, sondern man kann sich nur stetig in Resilienz üben.

Autor: Jürgen Greiner

1 https://www.resilienz-akademie.com/resilienz/

Foto: SgH_Wien  / pixelio.de

 

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