Warum ist Emotionale Intelligenz eigentlich so bedeutsam?

Die letzten Wochen und Monate der Corona-Pandemie haben gezeigt – innerlich in der Balance zu bleiben ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist an manchen Tagen echt innere Arbeit, um den eigenen Gefühlen auf die Schliche zu kommen oder gar zu verstehen, warum ich mich jetzt gerade mal gut oder eben sehr bedrückt fühle. Das Beschreiben der Emotionen, das Ausdrücken, warum es mir geht, wie es mir geht, ist in ruhigen Zeiten für viele Menschen schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Wie viel herausfordernder in Situationen, die viele Unwägbarkeiten haben, in denen wenig stabil zu sein erscheint.

Das Verstehen unserer eigenen Emotionen, aber auch ein bewusster und reflektierter Umgang damit gehört in das große Feld der Emotionalen Intelligenz (EQ). Eine Qualität des Mensch-Seins, die im Grunde erst zu den jungen Wissenschaften gehört. Nicht mal 30 Jahre ist es hier, dass Daniel Goleman mit seinem Buch zum Thema ganz neue Aspekte in das Arbeitsleben brachte. Heute wissen wir: EQ macht im Arbeitsleben fast 60 Prozent der Wirksamkeit aus. IQ, so wichtig das ist, wird da eher zu einer Eintrittskarte in die eine oder andere Position.

Spiral Dynamics und die Emotionen

In der Arbeit mit Spiral Dynamics hat zumindest in der Wahrnehmung vieler die Emotionale Intelligenz lange eher eine nebensächliche Rolle gespielt. Auch wenn von der grundlegenden Idee des Modells das Thema der eigenen Empfindungen hinsichtlich eines Memes immer vorkam, irgendwie sprach das Konzept der Werteentwicklung und Werteveränderung mehr die kognitiven Fähigkeiten an und wird oft genug auch so vermittelt. Wie schnell schieben sich dann solche oder ähnliche Fragen in den Vordergrund:

  • Was verbirgt sich hinter den Entwicklungsstufen?
  • Wie haben die Entwicklungsstufen miteinander zu tun?
  • Welche Veränderungen geschehen da genau, wenn Menschen in die nächste Stufe hineinwachsen?
  • Welche Auswirkungen hat das auf das Miteinander, die Organisationsform eines Unternehmens ….?

Viele Fragen, die den Anschein erwecken, dass es um scheinbar „neutrale“ Größen geht.

Unsere Emotionen beeinflussen die Wahrnehmung einer Entwicklungsstufe

Aus gutem Grunde hat Clare Graves das Modell ein Modell der bio-psycho-sozialen Entwicklung genannt. Ihm war bewusst, dass es im Verlauf der Entwicklung immer auch um die innere Veränderung geht, die ein Mensch durchläuft. Und diese innere Veränderung ist unweigerlich mit Gefühlen und Emotionen verknüpft. Wie ich etwas erlebe, warum ich mich gegen eine Entwicklungsstufe wehre oder diese einfach nur toll finde – wir sind immer unmittelbar mit unseren Gefühlen daran beteiligt. Wenn wir also besser verstehen wollen, wo wir selber auf dieser Entwicklungsreise stehen, ist eine Kenntnis der eigenen inneren Welt absolut erforderlich. Und die eigene innere Welt kennen und kompetent mit ihr umgehen ist ein wesentlicher Teilbereich der Emotionalen Intelligenz. Ohne diese Fähigkeiten gelingt es uns nur schwer, in belastenden oder auch sehr unsicheren Zeiten das volle Potenzial einer Entwicklungsstufe auszuschöpfen.

Die emotionale Integration einer Memestufe entscheidet über Wachstum oder Stagnation der Entwicklung

In unserer Arbeit im CHE vertreten wir seit einigen Jahren sehr bewusst die Ansicht, dass letztlich die emotionale Integration einer Memestufe (also die Entwicklung der emotionalen Linie, wie Ken Wilber es formulieren würde) über Wachstum oder Stagnation in der Entwicklung entscheidet. Nicht in dem Sinne, dass wir kaum weiter wachsen können im kognitiven oder z.B. moralischen Sinne. Jedoch in dem Sinne, dass es uns immer wieder auf die Füße fällt, wenn wir eine Memestufe nicht auch von ihren damit verbundenen Gefühlen wirklich in uns integriert haben. Wir erleben solches im Alltag oft am Beispiel des purpurnen Memes. Wie oft hadern Menschen mit ihrer Herkunftsfamilie oder dem Thema der Zugehörigkeit. Wie oft konnten Menschen vielleicht niemals wirklich eine gesunde Form eines purpurnen Memes erfahren. Je ungeklärter solche Beziehungen aber sind, um so mehr schwächt es uns im Leben. Und wie oft tauchen im Alltag Situationen auf, die uns immer und immer wieder auf Fragen zurückwerfen, die genau mit dieser Lücke zu tun haben.

In diesem Sinne stärkt uns die Beschäftigung mit dem Thema der Emotionale Intelligenz, genau diese Spannungsfelder in uns selber zu entdecken. Daraus entstehen neue Möglichkeiten für Wachstum und Entwicklung.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: die nachträgliche Integration der Emotionen ist Arbeit, aber sie lohnt sich. Das Leben wird bunter und reicher und vielfältiger und spannender. So bekommen wir die nötige Spannkraft auch in veränderungsreichen Zeiten.

Das Modul 2 der Social Architect Ausbildung ist diesem Thema der emotionalen Integration gewidmet.

Autorin: Ingrid Schneider

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