Haben Sie auch diese Erfahrung von verlassenen Räumen und Stadtlandschaften gemacht, die irgendwie „off“ wirken, die einen an einen surrealen Film wie bei David Lynch denken lassen? Zum Beispiel verlassene Bahnsteige, Schulkorridore nach Unterrichtsschluss, Spielplätze oder Einkaufszentren nachts um 4…? Dann haben Sie einen Aspekt von Liminalität erlebt. Liminal Spaces sind Schwellenräume, in denen sich die Realität anders anfühlt, wo wir uns fragen, was ist real, was nicht. In der popkulturellen Bewegung liegt der Fokus auf dem physischen Ort beziehungsweise dem Bild davon, welches diese surreale Atmosphäre erzeugt und im Internet geteilt wird. Diese Bilder,  welche Leere spürbar machen, scheinen eine starke Sogwirkung auf junge Menschen weltweit auszuüben.

Wo kommt das Konzept von liminalen Räumen her?

Dabei ist mit einem liminalen Raum kein physischer, sondern ursprünglich ein sozialer Raum gemeint. Der Begriff „Liminalität“ wurde erstmals 1909 vom Ethnologen Arnold van Gennep verwendet, um damit den Übergangsprozess der Rites de passage (Übergangsrituale) zu beschreiben. Der Begriff steht für den sozialen Raum, in welchem ein Mensch oder eine Menschengruppe eintreten, wenn sie sich aus der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gelöst haben, aber noch nicht in der neuen Ordnung angekommen sind. Zum Beispiel dient in einigen Kulturen dieser liminal space als Übergangsraum, in welchem Kinder zu Erwachsenen werden.

Victor Turner baute das Konzept in den 1960er Jahren für eine Theorie sozialer Veränderungsprozesse aus. Auch bei ihm beschreibt ein liminaler Raum einen symbolischen Ort außerhalb der etablierten Welt, jenseits vertrauter Raum- und Zeitbegriffe.

Was kennzeichnet solche Übergangsräume?

Ein liminaler Raum im symbolischen Sinne ist also ein Schwellen- und Übergangsraum, in dem alles möglich, aber nichts festgelegt ist, ein Ort, an dem man nicht ankommt, sondern sich nur aufhält, um irgendwo anzukommen. Der liminale Zustand ist kein fester, sondern ein fluktuierender Schwebezustand. In der Liminalität verändern sich die herkömmlichen Vorstellungen von Raum und Zeit.  Der gegenwärtige Moment wird wichtiger als die Vergangenheit oder die Zukunft. Zum Beispiel befinden sich Pilger auf einer Wallfahrt in einem liminalen Raum. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum,  in dem sie „am Rande“ von etwas Neuem stehen, zwischen dem, was war, und dem, was sein wird.

Viele von uns machen diese Erfahrung, wenn sie sich auf persönliche Transformations-prozesse einlassen. Wir betreten einen liminalen Raum, der von widersprüchlichen Emotionen begleitet wird. Das Überflüssige, die Ablenkungen und Fluchtmöglichkeiten verblassen.  Wir treten in Kontakt mit den tieferen Schichten unseres Selbst, was für viele Menschen, die in der Moderne leben, Unbehagen und Unsicherheit hervorruft.  Auch die Ungewissheit und die Angst vorm Kontrollverlust fühlen sich meist unangenehm und beklemmend an. Es braucht Mut, die Schwelle des Vertrauten und Bekannten zu übertreten.

Das Potenzial von liminalen Räumen.

Gleichzeitig ist der Schwellenraum voller Möglichkeiten und Erneuerungspotenziale während wir auf das warten, was kommen wird. Wir bezeugen und erleben die Offenbarung dessen, was an Potentialitäten in mir, in anderen, im „Dazwischen“, im Transzendenten präsent ist. Liminalität vermag, tiefe persönliche und kollektive Transformationen zu fördern und gibt dem Schöpferischen Raum, sich zu entfalten.

Richard Rohr definiert  Liminalität als „einen heiligen Raum, in dem die alte Welt auseinanderfallen kann und eine größere Welt enthüllt wird.“

Voraussetzungen, um diese transformative Übergangsräume zu gestalten.

Im CHE erforschen wir seit 15 Jahren, wie wir diese liminalen Räume bewusst gestalten können. Viele der Qualitäten, die Liminalität ausmachen,  wie die Spannung des Nicht-Wissens aushalten, das Prinzip der Emergenz und der Resonanz, die Leere einladen und begrüßen, Urvertrauen und Loslassen, Präsenz im Beziehungsraum, Perspektivenwechsel… haben wir  als Grunderfahrungen in unserer Social Architect Ausbildung verankert. Wir verstehen sogar die 9-monatige Ausbildung Social Architect selbst als einen liminal space.

Wollen wir uns selbst und unsere Gesellschaft bei einer Transformation unterstützen hin zu mehr Weisheit, Weitsicht und Kreativität,  brauchen wir mehr von solchen liminalen Räumen. Daniel Melle und ich wollen hierzu beitragen und das Thema stärker in die breite Öffentlichkeit tragen, indem wir eine Podcast Serie zu „Liminal Spaces“ ins Leben rufen.  Mehr noch als eine reine Podcast Serie intendieren wir, einen co-kreativen liminalen Raum zu öffnen. Wir laden Interessierte herzlich ein, Impulse und Gedanken hierzu zu teilen und diese Idee mit- und weiterzuentwickeln! Dies könnt ihr direkt als Kommentar auf der YouTube Seite posten, wo ihr unser Auftakt zur Podcast Serie „Liminal Spaces“ findet. https://www.youtube.com/watch?v=KSPKMBA70Lg

Autorin: Claudine Villemot-Kienzle

 

Hier sind die offiziellen Podcast Adressen zum Abonnieren:

Apple:
https://podcasts.apple.com/us/podcast/liminal-spaces/id1710782768

Spotify:
https://open.spotify.com/show/1QO40qeGeNUSveXLAOor4L?si=0f0db6e5431348f8

 

 

 

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