„Wozu noch Social Architect, wenn bereits über einige ganz große Unternehmen gesagt wird: „Um zu überleben, müssen sie die Menschen überflüssig machen“? Je mehr ich mich auf das Thema KI einlasse, desto mehr ringe ich (noch innerlich) um meine eigene künftige Bedeutung als berufstägiger Mensch. Insofern interessiert es mich sehr, was ihr antworten würdet.“
Dieses Schreiben eines unseres Newsletter Leser gab uns den Impuls, das Thema KI nochmal aufzugreifen und es im Lichte seiner Fragestellung zu reflektieren.
Trennung vs Verbundenheit
Die Qualität unserer Institutionen, sozialen und politischen Systeme, technischer Entwicklungen – wie KI – hängt von der Qualität unserer Beziehungen und unseres Bewusstseins ab. Solange Menschen aus der Trennung wirken, solange werden wir entsprechende dysfunktionale, zerstörerische und selbstzerstörerische Ergebnisse produzieren. Wir können dabei zuschauen, verzweifeln, uns der Ohnmacht hingeben, wegschauen, verdrängen, resignieren… Die Emotionen, die die Dysfunktionalität hervorruft, Angst zum Beispiel, fordern uns stark heraus und nehmen uns viel Kraft. Die oben beschriebenen Reaktionen können wir im Sinne des Selbstschutzes interpretieren. Und auch wenn sie für das Initiieren von Veränderungen nicht hilfreich sind, können wir sie dennoch verstehen und nachvollziehen. Wer von uns hat sich nicht einmal gewünscht, alles stehen zu lassen und sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, abgeschirmt von der Ver-und Entrücktheit um uns herum?
Glücklicherweise können wir unsere Reaktionen und Antworten anders wählen. Wir können uns für den Mut entscheiden. Den Mut, den Zivilisationsbruch zu erkennen und zu bezeugen, dabei in Präsenz zu bleiben. Vielleicht gelingt es uns sogar, den Boden für das Er-Innern an authentische und friedvolle Verbundenheit zu bereiten und deren Wiederherstellung.
An der Stelle stellt sich für viele die Frage, „ja schön, aber wie mache ich/machen wir das“?
Einen fruchtbaren Boden für Bewusstseinswandel bereiten
Ein Weg ist, indem wir Orte schaffen, in welchen wir uns mit anderen dem Boden „beackern und pflegen“ widmen. Gärtner wissen, dass die besten Samen nicht wachsen werden, wenn die Beschaffenheit des Bodens nicht der entsprechenden Qualität aufweist.
Das Feld der Social Architects, welches wir seit Jahren aufbauen, ist ein Ort, wo wir genau dies tun: den Boden bereiten, sodass die Samen, die wir pflanzen, die beste Chance haben zu wachsen und zu gedeihen. Samen, die das Potenzial von in Verbundenheit verwurzelten gesellschaftlichen Erneuerungen in sich tragen. Dazu gehören das individuelle und vor allem das kollektive Einüben solcher Praktiken wie:
- Generatives Zuhören
- Gemeinsames Wahrnehmen und Gestalten
- Präsenz zeigen
- Soziale Feldintelligenz – die Fähigkeit, das lebendige Feld, das uns verbindet, wahrzunehmen und daraus zu handeln –
- Praktiken für bewusstseinsbasierte Systemveränderungen
- Das Kultivieren von Mut. Den Mut zu haben, uns Zusammenbrüchen, kollektivem und eigenem Schmerz zu stellen und gleichzeitig, die Bereitschaft zu haben, das Entstehende zu begleiten, auch wenn wir keine Gewissheit haben, wohin es führt.
Auf die Zeitqualität achten
In solchen Orten, wo der Boden bereitet wird, gehört auch die Fähigkeit zu erkennen, wann das Pflanzen der Samen sinnvoll ist. Es mag Kontexte geben, wo der jetzige Zeitpunkt wenig Chance für Veränderung und Wachstum verspricht. Dies mit Gleichmut wahr- und anzunehmen gehört zu den Fähigkeiten eines Social Architects, der seine Kräfte und Energie weise und wirksam einsetzt.
Reifung und individuelle und kollektive Transformation durch gelebte Integration
Social Architects gestalten Übergänge – nicht nur strukturell, sondern vor allem menschlich. Sie schaffen Räume, in denen Entwicklung möglich wird, gerade dort, wo Organisationen sich strukturell transformieren, die individuelle Reifung in diesen Prozessen aber oft zu kurz kommt und Menschen damit entwicklungsseitig „stehenbleiben“.
Und hier wird die Grenzen von KI sichtbar: KI kann Informationen verarbeiten, Muster erkennen und sogar Modelle wie Spiral Dynamics abbilden. Was sie nicht leisten kann, ist die gelebte Integration dieser Erkenntnisse – im Menschen, in Beziehungen und in sozialen Systemen.
Für uns ist demnach die Frage nicht, ob künstliche Intelligenz Menschen „ersetzt“, sondern welche menschlichen Fähigkeiten gerade jetzt im Kontext von KI an Bedeutung gewinnen und wie wir sie aufbauen können.
Um Otto Scharmer zu zitieren „die Demokratisierung transformativer Praktiken ist ein zivilisatorisches Gebot“. Und dazu trägt das Center for Human Emergence mit den Ausbildungen bei.
Claudine Villemot-Kienzle, Mandy Gardemin


